Berührungen

Susann Ziegler, lic. phil.

eidg. anerkannte Psychotherapeutin

susann.ziegler@bluewin.ch

Im Kontakt mit anderen Menschen spielen körperliche und seelische Berührungen eine wichtige Rolle. Sie sind eine sinnliche Kommunikationsform, drücken Nähe oder Distanz aus, sowie Zuwendung, Trost und Wärme. Für ein Kleinkind sind sie entscheidend, um eine Bindung aufbauen und Sicherheit empfinden zu können. Für Erwachsene sind sie genauso bedeutungsvoll: sie schaffen emotionale Verbundenheit, stärken Intimität, zeigen Unterstützung, sind nonverbale Kontakte und soziale Interaktionen. Wie der Journalist Sacha Batthyany schreibt: «Das kontaktlose Leben ist vielleicht das geschmeidigere, aber es ist kein Leben.»

In den heilenden und pflegenden Berufen ist dies besonders gefragt. Wer leidet und abhängig ist lebt zwangsläufig in einem regressiveren Zustand und ist somit bedürftiger. Leider wird diese heilende und beruhigende Zuwendungsform mangelhaft eingesetzt, sei es professionell oder im Alltag. Wie kommt es, dass in der pflegerischen und ärztlichen Behandlung der Körperkontakt fast obsolet geworden ist? Wie kam es zu dieser Hemmung vor Berührung?

 

Beobachtungen:

  • Nierensteinzertrümmerung im Spital: Vor vielen Jahren liege ich entblösst auf dem Schragen. Herren schauen seitlich in den Bildschirm, hochkonzentriert. Obwohl ich es spannend finde, wie diese Fachleute in mich hineinschauen und offenbar fasziniert sind, entsetzt es mich wegen des gleichzeitig vorhandenen Gefühls, dass ich als Person trotz präzisester Innenkamera nicht wahrgenommen werde.
  • Altersheim: Jedes Mal, wenn eine PflegerIn meine leicht demente Tante in irgendeiner Form berührt, bzw. «pflegt», trägt sie Handschuhe, mittlerweile keine Masken mehr. Sind ihre Hände so schmutzig? Ist meine Tante gefährlich? Offenbar wäscht man sich zur Reinigung nicht mehr die Hände, sondern benutzt Plastikhandschuhe, die dann entsorgt werden. Der körperliche Kontakt erfolgt mit angezogener Handbremse. Gerade bei Menschen, die vielleicht sonst wenig berührt werden, bedeutet eine Pflegehandlung auch eine menschlich-seelische Berührung, die zudem mit Worten begleitet werden könnte.
  • Unfallverletzung am Knie: Bei einem Freund wird zuerst ein MRI durchgeführt. Leider schmerzt nach dem Befund zusätzlich der Fuss. Nun werden andernorts ein Ultraschall und eine Röntgenaufnahme gemacht. Die jeweilige Überweisung erfolgte schriftlich durch den Hausarzt, der danach ferienabwesend ist. Bei all den technischen Untersuchungen erblickt man nie einen Arzt. Im Tropeninstitut wird auf insistierenden Wunsch hin abgeklärt, ob es sich bei den wandernden Symptomen um einen unguten Käfer handle. Erstmals erscheint eine Assistentin und führt ein Gespräch. Auf Drängen hin schaut sie sich den schmerzenden und geschwollenen Fuss an. Sie sieht nichts, tastet nicht ab, keine Berührung mit dem Gegenstand/Mensch. Als gute Assistentin holt sie den Oberarzt. Er schaut den Fuss lange konzentriert an. Dann zieht er Handschuhe an und bewegt mit 2 Fingern die Grosszehe ganz sorgfältig. Das wars. Der Rest ist Labor. Handschuhe in den Kübel.
  • Meine Freundin erklärt mir, dass Massage ihr so guttue, auch wenn es koste: es sei der einzige Ort, wo sie noch körperlich berührt werde.

 

In diversen Pflegeanleitungen im Internet finde ich Anmerkungen betreffend Berührungen: «Generell wird in der Pflege zwischen zwei Arten von Berührungen unterschieden: die funktionale Berührung und die emotionale Berührung.» Anmerkung: Eine saubere Trennung.

«Körperkontakt und Berührungen in der Pflege sind also wertvoll. … Für manche demente Menschen zum Beispiel sind sie die einzige Möglichkeit zur Kommunikation mit anderen.» Anmerkung: immerhin wertvoll.

«Eine objektiv messbare therapeutische Wirkung haben Berührungen nicht. Es gibt aber Studien, die nahelegen, dass Berührungen bei älteren Menschen Entspannung und Schmerzlinderung fördern können. Bewusst ausgeführte Berührungen aktivieren Rezeptoren in der Haut, was im Gehirn zur Ausschüttung des Hormons Oxytocin führt, das auch als „Glückshormon“ oder „Kuschelhormon“ bezeichnet wird. Oxytocin reduziert Stress und Angst, und fördert so das menschliche Wohlbefinden.» Anmerkung: Leider schlecht messbar und somit nicht beachtenswert?, nur bei «bewusst ausgeführten Berührungen»?.

Evidenzbasierte Erkenntnisse werden nicht umgesetzt.

Denn: Es gibt ausreichend Evidenz die nahelegt, dass Berührungen die Biochemie und damit das Herz-Kreislauf-System regulieren, Stress reduzieren, allgemein gesundheitsfördernde Wirkung haben und damit lebensverlängernd sind. (z. Bsp. Forschungen von Prof. Martin Grunwald)

 

Sich auf Berührendes einlassen kostet sowohl psychische Energie und als auch Zeit, die dann Geld bedeutet. Minimierter psychischer Aufwand und ökonomisches Sparpotential ergänzen sich grossartig. Doch in allen pflegenden und heilenden Berufen ist meist nicht die zeitliche Aufwendung das persönlich Limitierende, sondern der psychische Aufwand, die Sorgfalt, die angewendet werden müsste, das respektvolle Wahrnehmen von Grenzen, verschiedene Beurteilungen unter einen Hut bringen, Ansprüchen von KollegInnen genügen…

Kurzum und absurderweise: Dass Allermenschlichste im Umgang ist schwierig geworden. Rationalisierungen für diese Abwehr gibt es zur Genüge. Interessanterweise beginnt bereits ein neuer Markt zu boomen: sensibilisiert auf dieses Thema entdecke ich viele Kurse und Angebote um berühren zu lernen. Auf Anfrage gebe ich gerne Adressen bekannt. Meine Empfehlung: Es geht auch ohne Kurs: Berühren Sie!

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